Ich besteige einen Bus. Laut Fahrplan ist es drei Minuten vor Abfahrt. Im Falle eines viertelstündlich verkehrenden Stadtbusses wäre das kein Grund zur Hetze. Aber dieser Bus verkehrt nur viermal am Tag und deshalb bin ich etwas außer Atem. Ich habe mich für die 300 Kilometer, die vor mir liegen, noch mit Kaffee eingedeckt, und deshalb bin ich jetzt spät dran. Der Fahrer sitzt schon auf seinem Platz und schaut mich an, als hätte er mich erwartet. Er fragt mich, ob ich Herr Jung sei. Ich bin überrascht und nicke ungläubig. Auf das elektronische Ticket auf meinem Handy, das das bestätigt, schaut er nur flüchtig. Er winkt mich durch.

 

Ich sitze unter Gleichgesinnten

Schon von Vorne sehe ich, dass alle Sitzreihen bereits mit mindestens einer Person besetzt sind. Ich komme nicht umhin, mir einen Nebensitzer aussuchen zu müssen. Das ist der Preis für den Kaffee, den ich in der Hand halte. Also schiebe ich mich auf der Suche nach dem geringsten Übel durch die Reihen. Ich nehme Platz neben einer schmalen jungen Frau, die mir etwas gezwungen entgegenlächelt. Es ist recht still im Bus. Wer alleine gekommen ist, so wie ich, hat sich schon ins W-Lan eingeklinkt. Die erste Stimme, die das Schweigen bricht, kommt von oben, ist vom Band und erklärt die Regeln dieser Fahrt. So einen Fernbus zu besteigen ist ein recht neues Gefühl. Mir wird bewusst, dass ich unter Gleichgesinnten sitze, zumindest in einem Punkt. Eine Stunde früher am Ziel zu sein war uns allen keine vierzig Euro wert. Soviel mehr hätte nämlich ein Bahnticket für dieselbe Verbindung gekostet, zumindest gestern Abend, als ich mich für den Fernbus entschieden habe.

 

Da tut sich was

Noch vor zwei Jahren hätte ich diese Wahl wohl nicht getroffen. Unflexible Fahrtzeiten, wenige Strecken, lästiges Umsteigen, lange Buchungsfristen – das Fahren mit dem Fernbus war noch nicht wirklich praktisch. Aber die Fernbusse haben sich in erstaunlicher Geschwindigkeit zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die Bahn entwickelt. Besonders an Wochenenden sind die Busse oft bis auf den letzten Platz besetzt. Das Liniennetz der Anbieter erstreckt sich bis in die Winkel des Landes und ständig kommen neue Verbindungen hinzu. Tickets für Fahrten mit dem Fernbus gibt’s schon beim Discounter. Keine Frage: Die Zeiten, in denen die Bahn die Entwicklung des Fernverkehrs auf den Autobahnen belächeln kann, sind vorbei.

 

Die Bahn kontert mit Mops und Mimikry

Das Potential der Fernbusse scheint noch lange nicht ausgeschöpft, und ich sehe derzeit keine ernsthaften Anstrengungen, diese Entwicklung zu bremsen. Weder von Bund und Ländern, noch von Seiten der Bahn. Aber die Bahn wird reagieren müssen, wenn sie längerfristig nicht noch mehr an die Autobahn verlieren will. Klar ist: Zu überlegen, zu unantastbar fühlt sich die alte Dame Bahn auf ihrem Thron aus Gleisen. Und ich finde, diese Überheblichkeit bekomme ich auch als Fahrgast zu spüren. Über die Bahn zu klagen ist in Deutschland zu einem Volkssport geworden und droht dem Wetter als Smalltalk-Thema Nummer Eins den Rang abzulaufen. Aber wie reagiert die Bahn? Mit einer patriotischen Bahncard und einem Mops, der über den Ausgang von WM-Spielen orakelt? Wie originell. Noch paradoxer: Anstatt auf der Schiene konkurrenzfähig zu bleiben, ist die Bahn selbst ins Geschäft mit den Fernbussen eingestiegen. Wer dahinter eine Verdrängungstaktik vermutet, hat vielleicht nicht ganz Unrecht.

Wenn der Kunde wieder König ist

Als Fahrgast eines Fernbusses fühle ich mich dagegen wirklich ernst genommen. Dank W-Lan, Unterhaltungsangeboten, Steckdosen und Snacks an Bord ist so eine Busfahrt mittlerweile komfortabler als eine Zugfahrt zweiter Klasse. Bei der Verspätung eines Busses, was erstaunlicherweise recht selten vorkommt, informiert mich eine SMS über die neue Abfahrzeit. Im Gegensatz zur verschachtelten und verklauselten Preispolitik der Bahn, zahle ich oftmals noch am Vorabend der Fahrt denselben Preis wie Wochen zuvor. Das freut meinen Kalender, meinen Geldbeutel und ist für mich nachvollziehbar. Da tut auch die Stunde extra nicht mehr weh.

Das Modell Fernbus wird seinen Platz noch finden müssen. Es wird auch Grenzen geben. Die Kapazitäten unserer Autobahnen sind vielerorts schon erschöpft. Wieviele Busse unsere Innenstädte vertragen, kommt als Frage hinzu. Einen großen Schritt nach Vorne in Sachen nachhaltiger Mobilität ist das Modell Fernbus ganz sicher auch nicht. Aber mit ihm wurden Krusten aufgebrochen und Raum für Diskussionen geschaffen. Und für alle, die sich in Zukunft bei mir über die Bahn beklagen, für die habe ich schon ein gutes Geburtstagsgeschenk in der Hinterhand.

 

gez. Martin
Foto: flickr/ Christian Allinger

 

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