Es ist ihr nicht beizukommen. Es führt kein Weg daran vorbei! Die Fußball-WM ist wirklich überall. Aus vielen Fenstern hängen große Fahnen. Kleine Fahnen zieren viele Autos und man kommt an fast keiner Kneipe, keinem Restaurant oder keiner Bar vorbei in der nicht ein Bildschirm aufgestellt ist und flimmert. Die Rufe des Kommentators schallen die Straße auf und ab und liefern sich einen Zweikampf mit dem Straßenlärm. Zumindest, wenn nicht Deutschland spielt. Dann jedoch herrscht Ausnahmezustand. Biergärten, Kneipen, Hinterhöfe sind überfüllt. Autos fahren nicht mehr. Wenigstens nicht mehr viele. Und in denen sitzen die genervten, die Nicht-Fußball-Fans. Eine Hälfte der Nation, die unter der WM und dem in dieser Zeit scheinbar brach liegenden sozialen Leben leidet. Und die andere Hälfte versammelt sich vor den Flimmerkisten und starrt hinein um zu sehen, wie 22 Männer einem Ball hinterherlaufen. Dabei schreit sie, feuert an, jubelt, weint und lacht. Warum? Es sind doch einfach nur 22 Männer, die einem Ball hinterherlaufen.

„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen!“

Nein. Es sind nicht nur 22 Männer, die einem Ball hinterherlaufen. Es ist mehr. Es ist die reinste Darstellung von Emotionen.
Für die 22 Männer, die dort auf dem Platz stehen und einem Ball hinterherlaufen ist es sowieso viel mehr. Für sie ist es ein Kampf, ein Wettkampf. Ein Wettkampf darum, wer den Ball besser streicheln kann, wer mehr Gefühl in den Füßen hat, wer besser antizipieren kann, was der Gegenüber tun wird. Dabei sind neben den fußballerischen auch viele andere Qualität gefragt. Wer kann mit Rückschlägen umgehen? Wer kann Niederlagen verkraften und die Fehler analysieren nur um sie im nächsten Spiel oder gleich in der nächsten Halbzeit auszumerzen? Wer hat den Willen die entscheidenden drei Meter zu laufen, wenn die Kraft schon nicht mehr da ist? Wer gibt sich nicht auf, egal, wie oft er schon den Ball verloren hat. Und wer gibt sich auf, weil er ein paar mal gefoult wurde? Worum es hier geht, sind Werte, die in einem Menschenleben unabdingbar sind. Es geht um die Fähigkeit sich von Rückschlägen zu erholen. Es geht um die Fähigkeit weitermachen zu können, auch wenn die Lust fehlt, wenn scheinbar die Kraft fehlt. Es geht um die Fähigkeit sich selbst kritisch beurteilen zu können, seine eigenen Möglichkeiten einschätzen zu können. Und es geht um die Fähigkeit eigene Fehler eingestehen zu können und richtig darauf zu reagieren. Es geht um Fähigkeiten, die uns in unserem alltäglichen Leben, in unserer Beziehung, an der Uni und auf der Arbeit von ungemeinem Wert sind und sein können. Doch damit nicht genug.

Fußball ist noch mehr.

Es ist Freude. Die Freude über ein Tor, ein Sieg, ein Unentschieden. Es ist Trauer, über eine Niederlage, ein Gegentor oder eine Verletzung. Es ist Wut. Wenn der Portugiese Pepe sieht, dass Thomas Müller am Boden sitzt, dann ist er wütend, weil der Deutsche sich in seinen Augen aufspielt.
Die beim Fußball aufgezeigten Emotionen sind echt. Im Moment der Erschöpfung, nach einem umkämpften Spiel ist es wahre Freude, Erleichterung oder Trauer, die von den Spielern empfunden wird. Nicht nur von den Spieler. Während wir vor unseren Flimmerkisten hocken und zusehen, wie Rückschläge verarbeitet werden, wie Spieler die Zähne zusammen beißen, wie sie versuchen ihre Fehler zu minimieren oder sich auf den Gegner einzustellen, fühlen auch wir die Trauer, die Wut, die Empörung über ein Foul oder eine Schwalbe oder einen nicht gegebenen Elfmeter. Wir können die Emotionen der Spieler nachempfinden.
Eine Hälfte der Nation versteht das, kennt diese zur Schau gestellten Emotionen. Kleine Kinder werden von den Toren und Paraden ihrer Helden motiviert. Große im übrigen auch. Und doch gibt es einige Menschen die diese Zusammenhänge nicht verstehen, nicht verstehen wollen. An diese Menschen habe ich eine Frage: warum geht ihr ins Theater oder ins Kino? Wollt ihr nicht Emotionen nachempfinden, euch inspirieren lassen?
Oliver Schwamb gehört zur Hälfte der Nation, die zurzeit viel zu viel Zeit vor der Flimmerkiste verbringt und um die Siege der favorisierten Mannschaft fiebert. Und dann muss er immer seinen Bart malträtieren um seine Nervosität abzubauen.

Foto: patrick wilken/ flickr
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3 thoughts on “Fußball ist mehr…

  • 4. Juli 2014 at 18:48
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    Ich interessiere mich nicht für Fußball. Für mich ist es Sport, und Sport möchte ich wenn, dann selber machen und nicht anderen dabei zusehen. Genauso ist die Fußball-WM für mich ein kommerzielles Großereignis, das mir überall aufgezwungen wird. Ich verspüre kein Bedürfnis, mir ein Fußballspiel anzusehen, weder zur WM, noch zu einem anderen Zeitpunkt.

    Die Behauptung, manche Menschen würden das nicht verstehen oder verstehen wollen empfinde ich als Unterstellung: Ich kann mir ein Spiel ansehen und dabei Spaß haben, ich kann mich begeistern und mitfiebern – sei es nun Fußball, Basketball oder die Tour de France. Ich entscheide mich jedoch, meine Zeit anderweitig zu verbringen – bzw. eigentlich entscheide ich mich überhaupt, da ich mich eben mit anderen Dingen beschäftige… und ein Fußballspiel für mich keine Option ist, die ich in Betracht ziehe. Lediglich während der WM, werde ich ständig mit dieser Option konfrontiert.

    Man stelle sich vor – um deinen Kinovergleich aufzugreifen – man müsste sich ständig rechtfertigen, einen Film nicht gesehen zu haben. Bei jedem Blockbuster, der gewöhnlich einfach an einem vorbeizieht, würde man als Spaßverderber hingestellt, weil man ihn nicht ansehen möchte. Oder die Menschen würden die Augen verdrehen, weil man keine Meinung zur neuen Inszenierung von Don Giovanni hat – dabei spricht in der Szene jeder über den kontroversen zweiten Akt.

    Im Falle der WM fühle ich mich genötigt, eine Position zum Fußball einzunehmen, die ich normalerweise nicht einnehmen möchte. Und nirgends fällt es mir so leicht, Position zu beziehen. Nirgends erwartet mich so ein Shitstorm, wenn ich sie denn beziehe:

    Da wäre zum einen die FIFA, ein Verein (kein gemeinnütziger ;-)) mit Monopolstellung, der finanziell gar nicht mal so schlecht aufgestellt ist. Da laufen Bestechungen, über die in der Presse berichtet wird und es werden Milliarden verdient. In Brasilien werden blutig die Favelas geräumt und in Katar sterben die Arbeiter auf den Baustellen. Aber da kann man ja mal ein Auge zudrücken. (Immerhin wollen wir ja alle Spaß haben). Außerdem kurbelt so ein Sportgroßevent (wie z.B. auch die Olympischen Spiele) die lokale Wirtschaft an. Irgendwann kommt das dann ja bestimmt auch dem maroden Bildungssystem in Brasilien zu Gute – die investieren eben in die Zukunft. Das mit den Favelas ist sogar so toll, dass unsere “Fußball-Helden” sich dort jetzt richtig sicher fühlen und sich deshalb auch gerne mal mit einem Räumkommando ablichten lassen. (Ist auch alles Spaß!)

    Der zweite Grund ist der ganze Partyotismus, Patriotismus und natürlich Nationalismus, den so eine WM mit sich bringt. Ja, ich bekomme Ausschlag, wenn ich überall Deutschlandfahnen sehe. Ja, ich finde ein Massenphänomen /-hysterie sehr unheimlich. Und ja, ich weiß, dass es die Ausnahme ist, wenn ein Mädchen, dass bei einem deutschen Public Viewing _auch_ für Griechenland jubelt, danach krankenhausreif geschlagen wird. Passiert.
    Sobald man dieses Thema (Flaggen und so) anschneidet bekommt man meistens folgende Antwort:
    Wir müssen unsere Vergangenheit ja auch mal Vergangenheit sein lassen können. Man muss doch auch mal stolz auf sein Land sein können. Immerhin ist es doch toll, dass die WM Menschen zusammenbringt (wow, ich bin so stolz). Man trifft sich vor den Fernsehern und Leinwänden. Wir sonst so spießigen Deutschen malen uns bunt an, halten uns nach einem Sieg nicht an die Verkehrsregeln und lassen uns schon mal zu einem Autokorso hinreißen.
    Bei so viel positiven Nebenwirkungen und vor stolz geschwellter Brust – wer sieht nicht gerne über Blackfacing beim Spiel gegen Ghana, das ein oder andere verhaltene “Sieg! H*il!” auf den Rängen hinweg. Da gehen mit den Leuten eben die Glücksgefühle durch. (Stichwort: Spaß!)

    Ja, Fußball ist mehr: Fußball ist politisch, Fußball ist ein Instrument.

    In einer Zeit, in der sowohl in Europa, als auch im Rest der Welt Nationalismus und konservativ-rechtes Gedankengut zunimmt, brauche ich keine Veranstaltung, die Abgrenzung und Ausgrenzung fördert. Denn wenn ich für jemanden bin, dann bin ich auch gegen jemand anderen. Und wenn ich zwischen einem Land und der Auswahlmannschaft des jeweiligen Landes nicht unterscheiden kann, dann bin ich für Deutschland und gegen ein anderes Land – und ja, ich finde das absurd und bedenklich. Ich möchte keine Hooligans, die nach einem Sieg gegen Frankreich rufen “Wir sind wieder einmaschiert”, ich möchte keine rassistischen Ausfälle auf twitter. Und wenn man sich denn unbedingt mit (s)einem Land identifizieren muss, dann müsste man sich wohl in erster Linie schämen.

    Jonathan hat kein Problem mit Fußball. Er hat lediglich kein Bedürfnis es sich anzusehen. Vielleicht fehlt ihm das Verständnis, warum sich so viele, sonst reflektierend denkende, intelligente Menschen einer Massenhysterie anheim fallen.
    Manchmal nutzt er die Ruhe während eines Deutschlandsspiels, um endlos lange Antworten auf Kolumnen zu schreiben oder Einkaufen zu gehen. Manchmal gesellt er sich zu seinen Mitbewohnern und schaut ein bisschen zu, fiebert mit… krault sich den Bart.
    Früher hat er Fahnen und Wimpel von Autos geklaut – mittlerweile ist ihm das auch egal.

    Antworten
    • 5. Juli 2014 at 8:28
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      Hey Jonathan!

      Vielen Dank für deine Antwort. Oder besser: vielen Dank für deine eigene Gegen-Kolumne!
      Du hast darin wichtige und interessante Punkte genannt, die unsere Leser (hoffentlich) zum Nachdenken anregen.
      Fußball ist ein großes und sehr polarisierendes Thema. Wir versuchen, durch unseren Blog ein möglichst buntes, facettenreiches Portrait unserer Generation darzustellen.
      Dabei ist der Ansprung “möglichst bunt” zu sein, jedes Mal eine Herausforderung bei der Konzeption eines Beitrages.
      Gerade beim Thema Fußball gibt es so viele einzelne Teilaspekte; jeder davon würde eigentlich Stoff für einen ganzen Beitrag bieten.
      Das können wir mit unseren Ressourcen natürlich nicht stemmen. Also versuchen wir, möglichst viel auf den Punkt zu bringen und in 4 Minuten abzuhandeln.
      Bei unserem WM-Fußballbeitrag haben wir versucht, das Großereignis kritisch zu hinterfragen; vor allem im Bezug auf den auch von dir angesprochenen Partypatriotismus.
      Trotzdem: andere Aspekte sind dafür wieder auf der Strecke geblieben.
      Deshalb nochmal Danke, dass du diesen Blog und dieses Thema so bereichert und ein Stück bunter gemacht hast!

      Antworten
      • 5. Juli 2014 at 9:49
        Permalink

        Danke für eure Antwort und für den Hinweis auf den neuen Beitrag.
        Es ist wirklich ziemlich schwierig, bei einem so komplexen Thema allen Aspekten gerecht zu werden. Deswegen finde ich es besonders toll, dass ihr euch in eurem neuen Beitrag mit dem Thema Partyotismus beschäftigt habt, nach der Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus gefragt habt. Sehr spannend fand ich ich die Stimmen zum Singen der Nationalhymne…
        Mich hätte noch interessiert, wie Menschen, die kein politisches Amt bekleiden, zu den twitter-Ausfälligkeiten stehen, bzw. ob da überhaupt ein Bewusstsein da ist.

        Noch eine Korrektur zu meiner ersten Antwort. Im zweiten Absatz muss es heißen ” eigentlich entscheide ich mich _nicht_, da ich mich eben mit anderen Dingen beschäftige”. Dann macht der Satz auch Sinn

        Antworten

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