Ich sitze in einem Chaos. Auf dem Boden: Ein Koffer, der dreckige Wäsche speit. Auf dem Schreibtisch: Postkarten, für die sich kein Briefkasten mehr fand. Und über allem: Ein Zelt, das trocknet und mir ab und zu noch Sand auf den Kopf streut. Was dieses Chaos aussagt, ist eindeutig: Ich bin zurück aus dem Urlaub. Vor der Abreise hatte ich mir über diese Reise keine großen Gedanken gemacht. Mal wieder weg, war die Devise, und setzte mich ins Flugzeug.
Aber nun, wie ich hier in diesem Chaos sitze, und auf die vergangenen zehn Tage zurückblicke, zwingen mich meine Eindrücke über den Sinn und den Zweck meines Urlaubs und des Verreisens an sich nachzudenken.

Das Reisen hat sich verändert. Ich meine damit nicht nur für mich. Klar, Urlaub bedeutet jetzt nicht mehr länger, dass Vati die Familienkutsche Richtung Süden steuert. Aber ich glaube, dass das Wegfahren für uns heute etwas grundlegend anderes ist, als es für unsere Eltern noch war. Dafür gibt es klare Anzeichen:

Symptom 1: Kaum ein Heranwachsender, der heute nach dem Schulabschluss nicht erstmal das Weite sucht. Solche Trips als Urlaub zu bezeichnen wäre beinahe schon ein persönlicher Angriff auf die jungen Abenteuersuchenden.
Symptom 2: Im Lebenslauf haben Urlaube zwar immernoch nichts zu suchen. Das klingt nach Faulenzen und nach tatenlosem Geplansche im Pool. Hübsch verpackt als Sprachreise, Bildungsreise oder Sabbatjahr ist das Weltenbummeln allerdings durchaus salonfähig geworden und eventuell sogar ein Pluspunkt für manche Bewerbung.

Symptom 3: In Studentenbuden sieht man Weltkarten hängen, auf denen es nur so vor Nadeln wimmelt. Und zwar nicht nur in Geografen-WGs.

Symptom 4: Diashows sind von gestern. Früher wurde ein ganzer Haufen Freunde – manchmal auch gegen ihren Willen – einen ganzen Abend lang in einen abgedunkelten Raum gesperrt und stundenlang zubebildert. Heute tuts ein Album auf Facebook. Ein Album unter Vielen.

Diagnose: Das Verreisen ist heute keine große Sache mehr. In Zeiten, in denen das Unterwegssein immer mehr zu einem Dauerzustand verkommt, klingen Begriffe wie „Urlaub “ oder „Tourist“ fast schon altmodisch. Wer schon mit achtzehn ein ganzes Jahr im Ausland verbracht hat, wird sein ganzes Leben lang nicht mehr damit zufrieden sein, mit dem Stempel des Touristen in ein fremdes Land zu reisen. Der französische Philosoph Roland Barthes hat schon 1980 geschrieben, was heute immer mehr junge Leute empfinden:

„Eine Landschaft – sei sie städtisch oder ländlich – muss für mich bewohnbar sein, nicht besuchbar.“

Und damit bringt er die Perversionen des Tourismus auf den Punkt, die heute keiner mehr braucht. Ein Urlaub kann nicht mehr länger nur bloßes Besuchen „ fremder“ Länder sein. In Zeiten, in denen uns Google Earth bis in die einsamsten Ecken des Globus führen kann, wer will da mit der Kamera im Anschlag noch vor Sehenswürdigkeiten Schlange stehen? Entdecken geht nicht mehr. Das Wegfahren muss heute einem höheren Zweck dienen. Sei es der Bildung, der körperlichen Ertüchtigung oder na gut, meinetwegen der Erholung. Dann aber bitte richtig – und ohne Eiffelturm auf dem Kopf. Ich räume jetzt meinen Koffer aus. Urlaubsbilder? Für ein Album reicht es nicht.

 

(gz. Martin)

 
Foto: flickr/Moe_
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